Dietmar von Eist

Slâfst du, friedel ziere?

 

Quelle: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848/0123

 

"Slâfest du, vriedel ziere?

man wecket uns leider schiere;

ein vogellîn sô wol getân

daz ist der linden an daz zwî gegân."

 

"Ich was vil sanfte entslâfen.

nu rüefestû kint wâfen.

liep âne leit mac niht sîn.

swaz du gebiutest, daz leiste ich, vriundin mîn."

 

Diu frouwe begunde weinen.

"du rîtest hinnen und lâst mich eine.

wenne wílt du wider her zuo mir?

owê du vüerest mîne vröide sant dir!"

 

Uf der linden obene dâ sanc ein kleinez vogellîn.

vor dem walde wart ez lût: dô huop sich aber daz herze mîn

an eine stat dâ ez ê dâ was. ich sach dâ rôsebluomen stân:

die manent mich der gedanke vil die ich hin zeiner vrouwen hân.

 

"Schläfst du, schöner Liebster? Leider weckt man uns bald. [Schon] hat sich ein schönes Vögelchen auf den Zweig der Linde gesetzt."

 

"Ich war so sanft eingeschlafen, nun rufst du, Kind, Ôauf, auf!Õ Lieb ohne Leid kann es nicht geben. Was immer du sagst, das tu ich, meine Freundin."

 

 

Die Frau begann zu weinen. "Du reitest fort und läßt mich allein. Wann wirst du wieder zu mir kommen? O weh! Du nimmst mein Glück mit dir fort."

 

"Hoch oben auf der Linde, da sang ein kleines Vögelchen.

Am Waldrand ließ es sich hören; Da zog es mein Herz wieder

an einen Ort, wo es früher gewesen war. Ich sah die blühenden Rosen stehen, die erinnern mich an die vielen Gedanken, die ich einer Frau zuwende."

 


 

Heinrich von Morungen

Owê

 

Quelle: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848/0148

 

 

"Owê–

sol aber mir iemer mê

geliuhten dur die naht

noch wîzer danne ein snê

5 ir lîp vil wol geslaht? 5

Der trouc diu ougen mîn:

ich wânde, ez solde sîn

des liehten mânen schîn.

    Dô tagte ez."

 

"Owê,—

sol aber er iemer mê

den morgen hie betagen?

als uns diu naht engê,

daz wir niht durfen klagen:

15 ÔOwê, nu ist ez tacÕ, 15

als er mit klage pflac,

do er jœngest bî mir lac.

    Dô tagte ez."

 

"Owê,—

20 si kuste âne zal 20

in dem slâfe mich.

dô vielen hin ze tal

ir trehene nider sich,

iedoch getrôste ich sî,

25 daz sî ir weinen lie 25

und mich al umbevie.

    Dô tagte ez."

 

"Owê,—

daz er sô dicke sich

30 bî mir ersehen hât! 30

als er endahte mich,

sô wolt er sunder wât

mîn arme schouwen blôz.

ez was ein wunder grôz

35 daz in des nie verdrôz. 35

    Dô tagte ez."

 

"Oh weh,

wird mir je wieder ihr herrlicher Körper—noch weißer als der Schnee—durch die Nacht entgegenschimmern?

Der täuschte meine Augen; ich dachte, es sei der Schein des hellen Mondes.

Da wurde es Tag."

 

 

 

"O weh,

wird er je wieder

den Morgen hier in den Tag übergehen lassen können? Die Nacht soll uns so vergehen, daß wir nicht zu klagen brauchen:

 "O weh, nun ist es TagÕ, wie er klagte, als er neulich bei mir schlief.

                Da wurde es Tag."

 

 

"O weh,

sie küßte mich unzählige Male, als ich schlief. Da tropften ihre Tränen herab. Ich tröstete sie jedoch,

so daß sie aufhörte zu weinen und mich in die Arme nahm.

Da wurde es Tag."

 

 

 

"O weh,

daß er sich so oft

an mir festgesehen hat!

Als er mir die Decke wegnahm,

wollte er meine bloßen Arme hüllenlos sehen. Es war wirklich ein Wunder,

daß er dessen nie müde wurde.

Da wurde es Tag."