Die Minne vor Gericht[1]

von Peter Suchenwirt

 

Ich chom auf ein gevilde weit,

Do sach ich plümen ungetzalt,

Plau, weiz, rot, gar manikvalt,

Gel, prawn in grün gestellet;

Der May het sich gesellet

Tzu vrewden und was unvertzeit,

Di velt di lagen schon beschlait

Geplümet und geröset,

Der May hat aufgelöset

Di pant, di e verstriket hat.

Der Winder mit des reyffen mat,

Di stunden alle ledik.

Ich dacht, waer ich geredik,

Von den vröden möcht ich sagen,

Mein fuzz begunden mich ze tragen,

Do ich vant snell ein chlaines phat,

Ich west, ob iz getreten hat

Tyr oder menschpilde,

Wenn daz iz in ein wilde

Sich schikt, in einen grozzen walt,

Darinn gepirg lag ungestalt

Gehöchet in der wolken luft.

Ich dacht in meines herzen gruft:

Daz chündet abetewre;

 

Gott herr, gib mir dein stewre,

Zu helfe deinen werden segen!

Zu meinem müt ich mich verbegen

Pegund und ging des steiges phat

Nicht ze leeis, ich elite drat,

Untz daz ich in die wilde quam,

Wann ich nicht anders da vernam

Denn chlainer vogelein singen.

Der steig begund sich dwingen

Hin geg einem holen perk,

Do sach ich reiten ein Gedwerk,

Do ez mich von erst ansach,

Iz grüzzte mich und tzu mir sprach:

"Waz tüst Du in der wilde hie?"

Ich sprach, daz ich durch schawen gie

Des lichten Meyen stewre:

Ich kam auf ein weites Feld gegangen, wo ich unzählige Blumen, blaue, weiße, rote, viele gelbe, auch im grünen Gras braune stehen sah.. 

Der Mai hat sich zu der Freude gesellt und hat seine Bescheidenheit ganz vergessen.

Die Felder lagen da in Blumen und in Rosen kostümiert.

Der Mai hat die Bande gebrochen, die ihn so lange verstrickt gehalten hatten.

Der Winter stand mutterseelenalleine nur noch mit den gebrochen Banden da.

 

Ich dachte mir, wenn ich ein begabter Redner ware, würde ich so gerne das alles beschreiben.

Ich ging weiter in die Natur hinaus, wo ich schnell ein enges Pfad gefunden habe.

Ich wusste nicht, ob es die Spuren eines Menschen oder eines Tieres waren,

Nur führte es mich in die Wildnis hinaus, in einen grossen Wald, wo unglaublich hohe Berge in die Wolken ragten.

Da war es mir im Herzen klar:

Mir standen Abenteuer bevor!

 

 

 

 

Gott, steh mir mit deinem Segen bei!

Um Mut zu fassen, began ich dem Pfad zu folgen und immer höher zu steigen, doch nicht allzuleise. Ich ging schnell und immer gerade aus, bis ich mich ganz in der Wildnis befand.  Ich hörte überhaupt nichts bis auf den Gesang kleiner Vögel.

 

 

Das Pfad führte mich jetzt in Richtung eines hohen Berges.  Da sah ich einen Zwerg auf mich zureiten.  Als er mich erblickte, grüßte er mich und sagte:

Was hast du in der Wildnis hier zu suchen?

Ich antwortete ihm, dass ich mir bloss alles anschauen wollte, , was der helle Mai mir gerne zeigen wollte.

 

 

Do ant mich awentewre

In dem gepirge, daz hi leit,

Ich chom nie pei meiner tzeit

In soleich wild gar ungestalt,

Hoch gepirg und grozzen walt,

Dar inn ich mich verirret han,

So daz ich nicht gewissen chan,

Wo hin daz mein geverte sey."

Daz dwerk do sprach: "Dir wont nicht pey

Vil chlüger sinn, des muz ich iechen,

Ich han die al hie gesechen

Chain menschen vild pey meinn tagen."

Ich sprach: "Törst ich euch gevragen,

Von wann ir raist an dirr stunt?"

Is sprach: "Di sach tün ich dir chunt,

Und la dich wizen newe maer:

Ich reit, do ich han an gevaer

Tzwo vrawen sechen richten

Durch recht und nach den slichten

Vil manik chlaegeleiche pein.

Waengel rot und mundel vein

Sicht man manig ungefüg schar,

Di tzu dem recht sind chumen dar,

Der chlagt ditz, der ander daz,

Di vrawen richten sunder haz

Dem armen als dem reichen,

Dem recht seu nicht entweichen."

Ich sprach: "Ere all vrawen vein!

Sagt mir, wie seu gehaizzen sein?"

Der antwürt pin ich dir berait:

Vraw Staet und auch Gerechtichait

Gehaizzen sind die vrawen chlar."

Ich sprach: "Möcht ich bechumen dar,

Ee daz daz recht ein ende nimt?

Dez euch in ewrn sinnen tzimt,

Hat iz icht schir end genumen?"

"Ir mügt noch wol pei tzeite chumen,

Ir eilet hin durch einn tan.

Durch den ich her geriten han."

Do ürlaubt wir uns stazchant;

Daz dwerk rait in die stainwant,

Do eilt ich an derselben stunt,

Des steiges vart waz mir unchunt,

Untz daz ich cham in ein gehag,

Mich schien Abenteuer in dem Gebirge zu erwarten, das hier liegt.  Ich war noch nie im Leben in so einer Wildnis mit hohen Bergen und grossem Wald.  Hier habe ich mich verlaufen, so dass ich nicht mehr weiß, wohin der rechte Weg führt.

 

 

Der Zwerg sagte:  "Du bist wohl dumm geboren und hast nichts dazu gelernt! Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht und habe bisher noch keinen einzigen Menschen gesehen."

Ich sagte: "Wenn ich fragen darf, wo  kommen Sie im Moment her?

Er sagte: "Das werde ich dir erklären und dir gleichzeitig eine Nachricht mitteilen.  Ich reite gerade von einem Ort, an dem ich zwei Frauen ein Gericht habe führen sehen.  Sie urteilen mit Recht und mit Fingerspitzengefühl über viele Fälle, die viele fürchterliche Leiden verursacht haben.

Man sieht da Massen von Anklägern, die vors Gericht gekommen sind, um ihr Recht zu bekommen.

Die Frau fallen ihre Urteile konsequent, egal ob es Arme oder Reiche sind, sie werden dem Urteil des Gerichts nicht entkommen.

Ich sagte, "Ehre sei allen vornehmen Frauen!  Sagen Sie mir bitte, wie sie heißen!"  "Ich gebe dir gerne eine Antwort darauf: Frau Staete und Frau Gerechtigkeit heißen diese gnädigen Frauen."  Ich sagte ihm: "Kann ich noch zum Gericht kommen, bevor die Gerichtsverhandlung zu Ende ist?  Ich meine, wenn es Ihnen schon recht ist, oder ist die doch schon zu Ende?"  "Sie mögen immer noch rechtzeitig den Ort erreichen, wenn Sie sich jetzt durch den Tannenwald beeilen, durch den ich gerade geritten bin.  Der Zwerg ist dann in eine Felsschlucht hineingeritten, während ich mich schnell auf den Weg machte.

Bis ich zu einer Hecke kam,

 

 

Do manikplüd auf dörn lag,

Do ward iz all so enge,

Do must ich in gedrenge

Mich winden unde slauffen,

Har und hant abstrauffen

Müst ich leiden an der stat,

Mir ward zerizzen fleisch und wat,

Ee ich durch daz gedürn cham,

Daz mich michel wunder nam,

Wer mir di rais hier ie beschert;

Mein fuzz der sargen strazzen pert

Und chainer rue nicht enphlag,

Untz daz ich chom bin durch den hag

Auf einen anger wunneuvar,

Der May het wunichleichen dar

Di plümen schön geswentzet,

Erleuchtet und erglentzet,

Der anger in liechter varbe schwa,

Der in des Mayen saffig taw

Stünd wunnikleich begozzen.

Mich het e ser verdrozzen

Daz was nur gar verswunden,

Do sach ich an den stunden

Ein tzelt, daz gab so liechten schein,

Daz mich daucht in den sinnen mein,

Ez waer der engel paradeys.

Do slaich ich in des hages reys

Hin tzu, daz mich do niemand sach,.

Ich cho des tzeldes reichleich dach,

Ein saemeid, pla, safftenvaz;

Dar auf gestrewt (des nam ich war)

Pawm, este, vogel, goldes raich,

Dar in gefüget maisterleich

Smaragd und amatisten,

Dar ob mit reichen listen

Ein token chlar von perlein vein,

Da tzwischen mank licht rubein,

Di leuchten gen der sunne glast;

Ich trüg da chainer sargen last,

Si darft mich nindert rürn;

Ich chos des tzeldes snürn,

Di waren an den stunden

Geflochten und gewunden

 

Die aus Blüten und Dornen bestand.  Da war es mir so eng, dass ich mich dadurch zwingen musste.  Es war so dicht, ich musste mich immer wieder herumdrehen und hocken. Haut und Haare haben fürchterlich gelitten, Fleisch und Mantel waren zerrissen, bevor ich endlich durch die Dornhecke kam.  Ich habe mich immer wieder gefragt, wer mir diese Wunderfahrt hätte bescheren können.

Doch schafften es meine Füße, diese Sargstrasse zu betreten, obwohl ich keinen ruhigen Schritt tun konnte, bis ich endlich durch die Dornen kam und mich auf einem wunderschönen Anger befand.

Der Mai war mit den Blumen recht verschwenderisch umgegangen.  Überall glänzten sie auf solche Art, dass der Anger zur herrlichen Farbenschau wurde. Da sah ich ihn mit dem saftigen Tau des Herrn Mai wunderschön begossen.

Was mich so verdrossen hat, war alles auf einmal verschwunden.  In dem Augenblick erblickte ich ein Zelt, das so glänzte, dass ich es für das Paradeis der Engel halten müsste.  Dann schlich ich in der Hecke dem Zelt zu, so leise, dass niemand mich sah.  Ich sah mir das reich bestickte Dach des Zeltes an, aus blauem Samt, darauf mit Bäumen, Ästen, Vögeln in reichem Gold gaufriert, wie ich mit eigenen Augen gesehen habe, mit Smaragden und Amethysten darin gesetzt, oben darauf mit meisterhafter Kunst ein Zeichen aus feinsten Perlen, zwischen denen lichte Rubine in den Sonnenstrahlen glänzten.

Ich habe da keinen Sarg getragen, doch war ich von dem Anblick äußerst gerührt.  Ich sah mir die Zeltleinen an

Sie waren damals geflochten und gewunden

 

 

 

Von seiden und von chlarm golt,

Ich dacht: du fürwaz prüfen scholt.

Ich sach in dem getzelde reich

Ein gestül, daz was so maisterleich

Von helffen pein durchgraben,

An ainer seitt derhaben,

Tyr, wild, recht als seu scholden leben;

Di ander seitten was enneben

Mit lylyen chlar von golt erseit,

Datzwischen rosen wol getzweyt,

Geesteet und geplümet,

Dar auf sazzen unger¨met

Di vrawen minniclich gewar,

Als golt gewunden was ir har,

Ir Lökellein gepogen,

Dor über was getzogen

Ein drum von chlainn seiden,

Daz har begund nicht weiden

Ez gab durch die seiden schein;

Isleiche trüg geleuttert vein

Ein chron nach chewschen sitten,

Gestein sen nicht vermiten,

Di auz den chronn gaben glast,

Saffyr, ruwyn, der nicht geprast.

Ir antlütz chlar ze allem vleyzz,

Rosen rot und lylyen weizz

Got het gegozzen auf ir vel,

Ir mündel rot und weiz ir chel,

Ir prüstel chlain gefüget,

Ir leib was schön gechlüget,

Zemazzen lank, enmitten chlain:

Alsus di vrawen warn rain

Gepreiset an der selben stat;

Ir chlaider als engelischeu wat

Von syden weys gab liechten schein,

Dar auf vil rosen, vogelein,

Gestreibt von chlarm golde.

Als ich di vrawen scholde

Chiesen und auch daz geschach,

Do hort ich chlag und ungemach

Von einer vrawen munde,

Daz mich in hertzen grund

Erparmet also sere;

Mich dunkt, daz ich nie mere

aus Seide und aus klarem Gold.  Da dachte ich mir: "Du solltest mal hineinsehen."  Ich sah dann in dem reichen Zelt einen Thron, der war aus Elfenbein geschnitzt.

Auf einer Seite waren wilde Tiere, so lebhaft gemacht, dass sie fast lebendig waren.  Auf der anderen Seite waren schöne Lilien mit Gold gefüllt, dazwischen standen Rosenpaare mit Blumen überall.  Darauf sassen ganz bescheiden die schönsten Frauen.  Ihre Haare waren in Gold gewunden, ihre kleinen Locken gebogen, über die eine Decke aus Seide gezogen wurde.  Jede Frau trug unter der glänzenden Seite eine Krone der herrlichsten Art. 

 

Die Meister, die sie gemacht haben, haben Edelsteine nicht vermieden, die Saphire und Rubine zeigten überall ihren Glanz.

 

 

 

 

 

 

 

Rote Rosen und weiße Lilien hat Gott auf ihre Haut gestreut.  Ihre kleinen Münde waren rot und ihre Hälse weiß.  Ihre Brüste waren klein geschaffen,

ihre Körper waren wunderschön geschnitzt, von vollkommener Länge, in der Mitte schmal.

 

Die Frauen waren gleichermaßen herrlich angezogen, ihre Kleider wie die Talare der Engel, aus weißer Seide, die glänzte wie Sonnenschein.  Darauf waren viele Rosen und Vögelein aus purem Gold gestickt.

Als ich die Frauen näher ansehen wollte, dann hörte ich einen Frauenmund sich so beklagen und beschweren, dass ich aus tiefstem Herzen mittrauern musste.  Mir schien, dass ich noch nie

 

 

Pei allen meinen iarn

So chlaegeleich geparn

Hort ein minnikleichez weib:

"Ach herregot, waz schol mein leib

In soleicher rew und iamers qual?

Und liest du vallen der tzu tal

Einn stein, der mich dersluge,

Ee daz mein leben trüge

Soleichen laid in iamer gar!"

Si het ir raidez chrausez har

Zervloket und zerauffet,

Ir pent het si gestruffet,

Daz iz ir auf der achssel lag;

Dem hertzen si vil manigen slag

Gab, des nam ich tougen war.

Ir volget nach ein chlaine schar,

Daz warn tzuchtige chint,

Di nach der Minne volget sint:

Mazz, Tzucht,, Scham, Beschaidenhait,

Di warn alle gar vertzait

An vrewden und an sinnen.

"Ach, wes schol ich beginnen?"

Di Minne rewichleichen sprach.

Tzu dem getzelt so was ir gach,

Seu chlagen yemerlich ir laid.

Vraw Staet und auch Gerechtikait

Enphing die Minne tugentleich;

Seu sprachen: "Wem part ir geleich?

Nu wart ir ye mit tzuchten gar

In vrewden an der pesten schar!"

Si sprach: "Daz get mir laider ab.

Wa ich mich hin mit trewen hab,

Da vind ich nur untrewe,

Da von in iamers rewe

Mein hertz erchranet sere;

Wo ich ellendeu chere,

Do pin ich unbehauset;

Ich wain, dem tot me grauset

Ab mir, daz er mein nicht enwil.

Ee phlag ich aller vrewden vil,

Der hab ich nu tze chlaine;

Di iungen gar gemaine

Mein ee mit tzüchten phlagen,

Da von nun newes chlagen

in allen meinen Jahren ein schönes Weib so habe klagen hören. 

"Herrgott, wieso verdiene ich solches Leiden und solche Jammer?  Ich wünschte, Du hättest einen Stein auf unser Tal fallen lassen, der mich getötet hätte, dann müsste ich kein so grosses Leid in meinem Leben tragen!"

Sie hat ihr lockiges Haar zerzaust und zerrissen. 

Sie hatte an ihrer Kopfbedeckung gezerrt, bis sie ihr um die Schulter hing.

Sie schlug sich immer wieder an die Brust, was ich heimlich beobachtete. Ihr folgte eine kleine Schar wohlgerzogener Mädchen. Es folgten der Frau Minne

Frau Maß, Frau Zuht, Frau Scham und Frau Bescheidenheit, die waren alle außer sich vor Entrüstung.  Freude war nirgendwo zu sehen.

"Ach, wie soll ich denn beginnen?" klagte Frau Minne ganz reuig.  Sie war zu dem Zelt gekommen, um ihr Leid zu beklagen.

Frau Staete und auch Frau Gerechtigkeit empfingen sie auf tugenthafte Weise.

Sie sagten: Wie Sie ja aussehen, dazu gibt's keinen Vergleich.  Und bisher waren Sie immer froh und anständig in der besten Gesellschaft!"

Frau Minne antwortete: "Da ist mir leider alles abgegangen.  Wo ich bisher nur Treue erlebt habe, da finde ich nur noch Untreue!

Daran leide ich so in meinem Herzen!  Wohin ich immer alleine kehre, da finde ich kein Zuhause!

 

Ich würde meinen, selbst der Tod würde sich so vor mir grausen, dass er mich nicht nehmen würde!  Immer habe ich so viel an Freude in meinem Leben gespürt.  Davon habe ich viel zu wenig.  Die gemeinen Jungen, die immer meine Anständigkeit gepflegt haben, über die muss ich klagen!

 

 

Geschicht von der Unstaete,

Wi gern ich armen taete,

Als ich meilein hab gtan:

So wais ich laider chainen man,

An wen ich mich mit trewen lazz

Und in vrewntschaft tzu mir vazz,

Der pricht sein state in churtzen tagen,

Da von muz ich mit iamer chlagen

Mein rew und auch mein grozzen lait."

"Nu höret" sprach Gerechtikait,

:Vraw Minn, da seit ir schuldig an,

Wo ir secht zuchtig einn man

Und tugentleich geparn,

Der nie pei seinen iarn

Seine trew an ew zeprach,

So sprechet ir, er sei ze swach,

Er phlegm hochvart und ubermüt,

Wi wol er tugentleichen tut

Und euch mit ern hat bewart.

Zehant ir euch tzu ainem schart,

Der euch mit füzzem gelimphen

Chan losen unde schmphen,

Auzzen hönik und innen gall;

Ob uch dar an icht missevall,

Darum ir leidet soleichen pein,

Wer mag euch des geholffen sein?"

Ich stünd hinder einem reyse,

Hin tzü so trat ich leyse,

Ich dacht, man saech mich nindert da.

Di Mazz sprach tzu der Minn al sa:

"Vraw, ich siech dort einen man,

Der mag iz alz gehöret han."

Die Minn mich zehant ersach,

Wenn sie gar paermikleichen sprach,

Mein herz in laides iamer swirt:

"Ge her, pist du daz Süchenwirt,

Sprich mit trewen hie mein wort,

Als du hast wo von uns gehort:

Gerechtikait mir shculde geit,

Ich hab die lieber tze aller tzeit,

Di mein mit unstaet Walden

Für di, di mich nu halben

In trewn und in ern.

Daran ist die Unstaete schuld.

So gerne ich Arme die Maienfreuden genossen habe, so kenne ich jetzt keinen einzigen Mann, dem ich mich nähern kann mit der Erwartung, dass er treu bleibt und echte Freundschaft mit mir pflegt.  In kurzer Zeit bricht er immer seine Treue,

worüber ich jammervoll klagen muss.

O Reue, o grosses Leid!"

"Nu hören Sie bitte mal zu!" sagte Frau Gerechtigkeit.  "Frau Minne, Sie müssen da immer die Schuld daran tragen!  Wo Sie einen wohlerzogenen Mann sehen, der sich tugenthaft benimmt, der nie in seinem Leben daran denken würde, Ihnen untreu zu sein, dann sagen Sie immer, er sei zu schwach!  Er sei arrogant und übermütig, obwohl er sich doch tugenthaft benimmt und Ihnen ehrenhaft gedient hat.

Dann laufen Sie sofort zu einem anderen, der Sie mit artigem Benehmen unterhalten kann, außen süß wie Hönig und innen ganz bitter wie Galle!  Auch wenn das Ihnen so missfällt, so leiden Sie nur deshalb!

Warum sollte man Ihnen in solchen Fällen behilflich sein?"

Ich hatte da hinter einem Busch gestanden. Jetzt trat ich ganz leiser näher, denn ich war mir ganz sicher, keiner würde mich sehen.  In dem Augenblick sagte Frau Maß zu Frau Minne und ihrem Gefolge:

"Gnädige Frau, ich sehe dort einen Mann stehen, der alles wohl gehört haben mag."

Die Minne erblickte mich sofort.  Als sie so sprach, geriet mein Herz in Jammer.

"Komm mal her, wenn du Suchenwirt bist! Du sollst jetzt für mich Zeuge stehen!  Wie du gehört hast, gibt mir Frau Gerechtigkeit die Schuld, ich hätte mich lieber zu denjenigen gesellt, die mir gegenüber Untreue gepflegt haben, statt mit denen beisammen zu sein, die mir mit Treue und Ehre dienen.

 


 

Waerleich daz verchern

Let ich nie pei meinn tagen."

"Gengd, vraw, waz school ich sagen?"

der witz ich laider lützel han,

doch, als ich mich versinnen chan,

Di Minn di hat nicht schulden,

Ob si müz chumer dulden,

Daz machen, die unstaete sint,

Der maniger noch in mine prin:

Mit gepaer, als er sei güt;

Als einem aphel schaden tüt

Ein würm, der durchsleusset in,

Also lert falschait seinn sin,

Daz er der Minn gesiget an.

Will man sey des engelten lan?

Nu hat si iamer sust genüg.

Di Minn was ny mit tzüchten chlüg.

Daz si di staeten hat erchorn,

Lieber waer si ungeporn,

Ee si di swachen ir erchür.

Si besleüst mit ires hertzen tür

Di minn-staetkleichen gern:

Wil yemant trewn gen ir enpern,

Der mag sein wol engelten.

Ich waen, man vind ir selten

Ainn, der in wirden alt

Und an der Minn sein trew behalt.

Dar uber schult ir richten recht,

Daz die Minn beleibe slecht

An vrewden und nicht gar vertzag."

Di Gerechtikait sprach: "Ich euch vrag,

Vraw Staete, waz euch dunket güt,

Daz man der Minn genade tüt?"

Vraw Staet di antwürtt satzehant:

"Man schol di swachen allesant

Vertaln, daz wil ich sprechen;

Di hie ir trew prchen

An der Minne, den werd chunt

Der schauden floz und auch ir punt:

All rain vrawn sein im gehaz!"

Gerechtikait vragt fürwaz:

:Sagt an, vraw Mazz, was dunkt ew recht,

Ez sei ritter oder chnecht,

Der tzu der Minn untrewen hab?"

Das war in meinem Leben nie der Fall!

"Um Gottes Willen, gnädige Frau, was sollte ich dazu sagen?  Ich bin vielleicht nicht der Klügste hier, doch, wie ich das beurteilen kann, trägt hier Frau Minne keineswegs die Schuld. Wenn sie Kummer leiden muss, daran sind die Unstaetlichen schuld.

Viele verlieben sich und tun so, als ob sie gut wären.

Doch wie ein Wurm einen Apfel von Innen frisst, so bemachtigt sich die Falschheit des Mannes, so dass er die Minne betrügt.

Will man sie deswegen bestraffen?

Ich meine, sie hat jetzt Jammer genug.

Die Minne war im Umgang mit der Beständigkeit nie besonders klug, dass sie sich die Anständigen auserkoren hat.

Sie ware lieber nie geboren, als wenn sie einen Schwachen gewählt hätte.

Sie schließt doch die Tür ihres Herzens den treuen Liebhabern gerne auf.

Wenn jemand ihr gegenüber Treue pflegt,

wird er gut belohnt.

Ich bin der Meinung, man findet recht selten einen, der seine Würde lange behält und der Minne treu bleibt.

Darüber sollen Sie so richten, dass die Minne ihr Recht behält und nicht für schuldig erklärt wird."

Frau Gerechtigkeit sagte: "Ich frage Sie, Frau Staete, ob Ihnen Recht ist, dass der Minne Gnade erwiesen wird."

Frau Staete antwortete ihr sofort: "Die Schwachen sollte man immer verurteilen, will ich meinen.  Alle, die an der Minne die Treue brechen, sollen bestraft werden und von allen anständigen Frauen für immer gemieden werden!"

Frau Gerechtigkeit fragte weiter: "Sagen Sie bitte, Frau Maß, welche Strafe dünkt Sie gut, für einen, egal ob Ritter oder Knecht, der an Minne seine Treue bricht?"

 


 

Si sprach: "Dem swind' untaz in sein grab.

Leib und güt und auch sein leben,

Daz wil ich im ze stewer geben."

Dunkt iz euch recht?" vragt si die Tzucht.

"Ja". Sprach die hochgeporne frucht:

"All, di minn mit falschait phlegen,

Den sei rainer vrawn segen

Auf erden hie der grözzist flüch

Und wücher als der iuden gefüch.

Gerechtichait vragt auch die Scham:

"Ir tragt der Chewsch den höchsten nam,

Nu ratet, als ir euch verstat."

"Di hie der Minn mit swacher tat

Ir ere staete vaern,

Den werd pei chürtzen iarn

Leides vil mit iamer chunt,

Den school von chainem rotten munt

Güter trost noch wan geschehen,

Des wil ich pei dem aide iehen."

Man vragt auch di Beschaidenhait:

"Tzimt iz euch recht?" "Auf meinen ait,"

sprach si zehant,iz dunkt mich güt:

Vil maniger übet seinen müt

Tzu mine, der nicht wizen chang,

Wo chraet di henn und auch der han.

Der wil zehant ein minner sein,

Da von wir leiden grozzen pein,

Und sein da mit verraten:

Vor di weisen taten,

Waz der Minne wol antzam."

Da mit di red ein ende nam,

Urlaub seu gaben an der stat.

Di Minne dankt getrews rat,

Und schied von der Gerechtikait

In vrewden, und was unzertzait.

Got geb in hail, die minne gern

Mit tzüchten, und sich nit verchern

An trewen, den geschech allez guet:

Des wünsch ich iu mit staeten muoten

Sie sagte: "Der sollte in seinem Grab verschwinden, mit Körper und Gütern und auch mit seinem Leben dazu!"

"Dünkt Sie das recht?" fragte sie da Frau Zuht.  Die Edelfrucht antwortete:

"Alle, die falsche Minne pflegen, die werden hier von allen anständigen Frauen ewiglich verflucht, genau wie die Juden, die Wucher pflegen!"

Frau Gerechtigkeit fragte auch Frau Scham:

"Sie haben ja den Ruf, dass Sie Keuschheit besonders pflegen. Nun geben Sie uns Ihren Rat, wie Sie den Fall so sehen!"

Diejenigen, die der Minne so jammerlich dienen und ihre Ehre verspielen, die werden in kurzem so viel Leid erleben.  Die sollen von hier an von keinem roten Mund mehr Trost erleben, das schwöre ich hier!"

Man fragte auch die Bescheidenheit:  "Ist es Ihnen Recht?".  "Auf meinen Eid" sagte sie sofort.  "Es dünkt mich gut.  Viele gehen mit der Minne so schlecht um, die keine Ahnung haben, wo es lang geht! 

Solche werden sofort unsere Liebhaber sein, woran wir Schlimmes leiden und wodurch wir immer wieder verraten werden, statt weises Benehmen zu erleben, was Frau Minne wohl verdient hat."

Damit war das Reden zu Ende.  Man durfte gehen.  Frau Minne bedankte sich für das weise Urteil und verabschiedete sich von Frau Gerechtigkeit in Freude und Trost.

Gott gebe denen Heil, die Minne gerne mit Treue pflegen und die der Treue nicht untreu sind.   Denen möge alles Gute widerfahren!  Das wünsche ich ihnen für immer und ewig!

 

 



[1] Für die Übersetzung wird keine Haftung genommen.  Ich hoffe, die wird zumindest den Sinn des Textes übertragen. -DT