Der Stabreim:

Zur Form der althochdeutschen Dichtung

von J. Sidney Groseclose und Brian O. Murdoch

 

Die Grundform der frühesten althochdeutschen Poesie ist die sogenante altgermanische Stabreimdichtung.  Die metrische Grundeinheit dieser Dichtung ist eine Langzeile, die aus formal miteinander gebundenen An- und Abversen besteht.  Die beiden Halbverse sind voneinander abhängig, obgleich die starke Zäsur, die sie trennt, häufig an einer syntaktisch geeigneten Stelle einfällt.  Es handelt sich aber hier immer um eine echte Langzeile.  Jede Halbzeile hat zwei Haupthebungen (Ikten), die auch den Staabreim tragen; d.h. sie haben gleichklingende Anlaute, obgleich alle Vokale beliebig miteinander staben können.  Sp-, st-, sk- können dagegen nur mit der gleichen Kombination staben.  Der Hauptstab liegt auf dem ersten Iktus der zweiten Halbzeile.  Damit stabt ein Iktus der ersten Halbzeile; beide Ikten des ersten Halbverses können aber auch mit dem Hauptiktus staben. 

 

Schema der Möglichkeiten

 

1

A

X

//

A

X

2

X

A

//

A

X

3

A

A

//

A

X

4

A

B

//

A

B

5

B

A

//

A

A

6

A

A

//

A

A

7

 

 

 

 

 

8

ek HlewegastiR

HoltijaR

//

Horna

tawido

9

Ich Hlewegast

Holts Sohn

//

machte

das Horn

10

 

 

//

 

 

11

 

 

//

 

 

12

 

A,B = stabend

//

X= nichtstabend

 

13

Hiltibrant

enti Haðubrant

//

untar

 

heriun tuem.

 

 

Quelle:

Die althochdeutschen poetischen Denkmäler

Sammlung Metzler 1976