Minnerede
Eine Typologie nach Ingeborg Glier
Die Minnerede als Ichform:
In kaum einer anderen spätmittelalterlichen Gattung, außer vielleicht
im Liebeslied, wird so durchgehend und so penetrant Ich gesagt
wie in der Minnerede Dieses Ich ist eine literarische Hohlform,
eine Rolle gleichsam, die sich immer wieder anders besetzen und
in Grenzen neu agieren lässt.
...weder dieses Ich noch einer seiner Mitspieler ist im einzelnen
Text die Hauptperson, sondern das Hauptinteresse beansprucht das,
was ihm exemplarisch widerfährt oder was es vermittelt.
Man ruft den [Ich als] Dichter in allen möglichen Fragen als Autorität
an, dass er Streitgespräche schlichten und Ratschläge erteilen muss
Er darf immer wieder allein die Grenze zum Reich der Personifikationen überschreiten.
Zwischen diesem und der Menschenwelt erscheint er mithin als der einzige legitime
Mittler.
Der Traum oder Spaziergang als konstituierendes Merkmal
Der Traum und noch mehr der Spaziergang gehören nächst der Dichterrolle
zum festen Motivbestand der Gattung. Diese Elemente verschaffen für
den Dichterfigur eine gewisse Distanz zur Alltagswelt und bedeuten vor allem
den Aufbruch ins Unbekannte.
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Handlungselemente
Monologe
1. Liedverwandte Typen
a. Preisgedichte
b. Minneklagen
2. Lehrrede (der Dichter tritt nicht mehr als Liebender
auf.)
3. Liebesbriefe
Gespräche
1. Werbungsgespräche (der werbende, drängende
Mann und die zurückhaltende, abweisende Frau)
2. Lehrgespräche (Statt irgendeinenen Gegenstand mehr
oder minder systematisch Punkt für Punkt abzuhandeln, wird er auf zwei
Sprecher verteilt und damit auch die Möglichkeit von Einwänden ins
Spiel gebracht.)
3. Streitgespräche (Eine objektivierte Form der Auseinandersetzung,
wie zwischen herze und lîp oder aber zwischen Ich und herz.)
In der Mehrzahl der Fälle referiert die Dichterfigur aus der Distanz
als Augen- und Ohrenzeuge.)
Vorgänge
1. Das Werben um die Liebe einer Frau
2. Die abenteuerliche Begegnung (In diesem Reich der bedeutsamen
Wunder erkennt der Dichter, konfrontiert mit der Autorität der Personifikationen
und ihrer Lehre, das Wesen der Liebe.)
3. Das Minnegericht (Geahndet werden von diesen Gerichten
Verstösse gegen die Gebote der Minne. Die personifizierte Minne
richtet, klagt, oder wird angeklagt.)
Quelle: Ingeborg Glier
Artes amandi. Untersuchung zu Geschichte,
Überlieferung und Typologie der deutschen Minnereden
München: Beck, 1971