Von der Selbsterkenntnis
oder: von der Vollendung
der Seele
von Meister Eckhart
Wer
zum höchsten Adel seines Wesens gelangen will und zur Anschauung des
höchsten Gutes, das Gott selber ist, der muss ein Erkennen seiner selbst
haben, wie auch der Dinge, die um ihn sind, bis zum Höchsten. Nur so gelangt er zu seiner wahren
Lauterkeit. Darum, mein lieber
Mensch, lerne du dich selbst erkennen; das ist dir besser, als wenn du alle
Kräfte der Kreatur kenntest.
Wie du aber dich selber erkennen kannst, dazu merke zweierlei Weise.
Zuerst
siehe zu, wie es um deine äußeren Sinne steht: Das Auge steht
allezeit dem Bösen ebenso bereit zum Sehen wie dem Guten: ebenso das Ohr
zum Hören, und so ist es mit allen Sinnen. Darum müßt ihr euch mit großem Ernst dem
Guten zuwenden.
Sodann
vernehmt von den inneren Sinnen.
Das sind die edlen Kräfte, die in der Seele sind, die niederen wie
die höheren. Die niederen
dienen den höheren Kräften und zugleich auch den äußeren
Sinnen. Darum sind sie den
äußeren Sinnen so nahe gelegen, dass sie das, was das Auge sieht und
was das Ohr hört, sogleich dem Begehren zuführen. Ist es dann eine ordentliche Sache, so
bietet sie das Begehren sofort einer anderen Kraft dar: die heißt
Betrachtung. Die schaut das Ding
an und bietet es einer dritten Kraft dar, die heißt Verstand. Also wird das Angeschaute
geläutert, ehe es zu den höchsten Kräften gelangt. So edel ist die Kraft der Seele, dass
sie das Angeschaute sonder Gleichnis und sonder Bild aufnimmt und in die
höchsten Kräfte emporträgt. Dort wird das Angeschaute vom Gedächtnis behalten, von
der Vernunft erfasst und vom Willen erfüllt. Dieses sind die höchsten Kräfte der Seele und sie
sind in einer Natur vereinight.
Und alles, was die Seele wirkt, das wirkt auch die eine Natur in den
Kräften.
Was
aber ist die Natur der Seele?
Gewissheit. Und diese Natur
ist also unmessbar, dass der Raum sie so wenig kümmert, als ob er gar
nicht da wäre. Hätte ein
Mensch einen lieben Freund über tausend Meilen, so strömte doch seine
Seele ihm zu mit all ihrem Vermögen und minnte dort den lieben Freund.
Herzensfreunde,
merket nun wohl auf, wie recht und wie edel eine jegliche Kraft geordnet und an
ihre Stelle gesetzt ist, und sind doch einer Natur. Das Gedächtnis ist eine bewahrende Kraft alles dessen,
was die anderen Kräfte ihm zubringen: Dazu ist sie berufen. Die andere Kraft heißt
Vernunft. Die ist so edel, dass
ihr, wenn sie das höchste Gut, das Gott selber ist, verstehen soll, alle
anderen Kräfte dienen müssen nach ihrem Vermögen. Die dritte Kraft heißt Wille.
Diese Kraft ist so edel, dass sie gebietet und verbietet, je nachdem, wie sie
will. Was sie also nicht will, des
ist sie ledig und frei.
Es
ist eine Frage unter den Meistern, ob Vernunft oder Wille edler sei. Die Vernunft erfasst selbst solche
Dinge, die uns jetzt unzugänglich sind. Darin liegt ihre Edelheit. Der Wille aber vermag für sich selbst alle Dinge. Und wo die Vernunft nichts mehr vermag,
da schwingt sich der Wille auf in das Licht und in die Edelkeit des
Glaubens. Das ist die Edelkeit des
Willens. Doch hat der Wille diese
Überlegenheitsgewalt nicht aus eigenem Vermögen. Ihm wird Hilfe von
den anderen Kräften zuteil. Und vom Glauben.
Welches
aber ist die Kraft in dieser Dreifaltigkeit der Seele, aus der der Glaube
zuerst entspringt? Aus der
vermittelnden Kraft der Seele: aus dem Erkennen entspringt der Glaube. Der Glaube aber wird fruchtbar im
Willen und der Wille wiederum wird fruchtbar im Glauben. So ist also das Licht des Glaubens die
Ursache des Überschwungs in den Willen.
Dass
dies aber ein Höheres ist, das versteht das Erkennen gar wohl. Und hier ist dann das Erkennen
über dem Willen. Jedoch in
seiner Eigenschaft als Wille hat der Wille Hoheit und Edelkeit, und das
empfängt er von dem höchsten Gut, das Gott selber ist. Und er empfängt Gnade und das
höchste Gut selber in dieser Gnade.
Denn was die Seele empfängt, das empfängt sie durch den Willen
und anders nicht. Durch die Gnade
des höchsten Gutes werden die anderen Vermögen in der Einheit einer
Natur gekräftigt, und da wird dann das Licht entzündet in der Kraft
des Heiligen Geistes. Und aus
diesem Licht werden alle Werke der Seele gewirkt. Eine wahre Urkunde dieses gnädiglichen Lichtes ist es,
wenn dann ein Mensch mit freiem Willen sich abwendet von den vergänglichen
Dingen und sich hinkehrt zu dem höchsten Gute, das Gott selbst ist.
Nun
merket, wie die Seele zu ihrer höchsten Vollendung kommen kann: Wenn Gott
in die Seele getragen wird, dann entspringt in der Seele ein göttlicher
Liebesquell, der treibt die Seele wieder in Gott zurück, so dass der
Mensch nichts mehr wirken mag denn geistliche Dinge.
O
Wunder über Wunder, wenn ich an die Vereinigung denke, die die Seele mit
Gott hat: Er macht die Seele freudewonnig aus sich selber fließen und
alle nennbaren Dinge genügen ihr nicht mehr. Ja, sie genügt auch sich selber nicht. Der göttliche Liegesquell
strömt auf sie über und reißt sie aus sich selber hinüber
in ihren ersten Ursprung, der Gott alleine ist. In ihm kommt die Seele zu ihrer höchsten
Vollendung.
St.
Augustinus spricht: Gerade wie es um Gott ist, so ist es auch um die
Seele. Seht, wie sie gebildet ist
nach dem Bilde der Heiligen Dreifaltigkeit.
Gott
ist dreifach von Person und doch einfach von Natur. Gott ist auch an allen Orten, und an jedem Ort ist Gott
ganz. Das will soviel sagen, dass
alle Orte ein Ort Gottes sind.
Also ist es auch mit der Seele.
Gott hat die Voraussicht aller Dinge und bildet alle Dinge in seiner
Voraussicht. Das ist Gottes
Natur. Also ist es auch mit der
Seele. Sie ist auch dreifach von
Kräften und einfach von Natur. Die Seele ist auch in allen
Gliedmaßen des Körpers, und in einem jeglichen Gliede ist sie
ganz. Also sind alle
Gliedmaßen eine Stätte der Seele. Und auch die Seele hat Voraussicht und bildet alle Dinge,
die ihr möglich sind. So hat
die Seele von allem, was man von Gott aussagen kann, etwas Gleiches.
Nun
will ich noch mit euch reden von dem Namen der Heiligen Dreifaltigkeit: Wenn
man vom Vater oder vom Sohne oder vom Heiligen Geist spricht, dann spricht man
von den göttlichen Personen.
Spricht man aber von der Gottheit, dann spricht man von der Natur. In der Gottheit sind die drei Personen
eins vermöge der Einheit ihrer Natur. Und sind darin als ein Ineinanderfließen ohen
Unterscheidung. In diesem selben
Flusse fließt der Vater in den Sohn und der Sohn in den Vater
zurück, und sie beide fließen in den Heiligen Geist und der Heilige
Geist fließet wieder in sie beide.
Darum sagt unser Herr Jesus Christus: "Wer mich siehet, der siehet
den Vater. Mein Vater ist in mir
und ich bin in ihm."
Dies
Ineinanderfließen in der Gottheit ist ein Sprechen sonder Wort und sonder
Laut, ein Hören sonder Ohren, ein Sehen sonder Augen. Und hier von vernehmt ein Gleichnis von
der edlen Seele, die hat auch dieses wunderbar gleiche Fließen in sich.
Wo die höchsten Kräfte und die Natur gleiche Eigenschaft haben, da
fließt eine Kraft in die andere und wird offenbar ohne Wort und ohne
Laut. Selig die Seele, die da zur
Anschauung des Ewigen Lichtes gelangt.
Was aber die göttliche Natur sei, davon ist nie noch einer Kreatur
Mitteiliung zugekommen. Ein Meister sagt: Gottes Natur ist Gottes
Schönheit. Dazu sage ich: In
dieser Schönheit da geschieht ein Leuchten und Widerstrahlen, da leuchtet
eine jegliche der drei göttlichen Personen der anderen wie sich selber. In diesem Leuchten ist die
Vollkommenheit der Schönheit.
Wie
aber ist es mit dem ewigen Wort des Vaters? Sankt Augustinus spricht darüber in fünf
Gleichnissen, gerade als ob er sie auf die Person unseres Herrn Jesu Christi
bezöge: "Ich bin kommen als ein Wort aus dem Herzen, daraus es
gesprochen ist. Ich bin kommen als
ein Schein aus der Sonne. Ich bin
kommen als ein Blitz aus dem Feuer.
Ich bin kommen als ein Duft der Blumen. Ich bin kommen als ein Strom des ewigen Quells."
Also
ist das ewige Wort ausgesprochen in der Person des Sohnes und ist Gott
geblieben kraft seiner Natur und in dieser Natur. So auch sind alle Dinge kraft ihrer Begrenzung ausgeflossen
in die Zeit. Aber in der Ewigkeit,
das sind sie sonder Begrenzung. Da
sind sie Gott in Gott. Dazu
vernehmt ein Gleichnis: Wäre ein Meister, der alle Kunst in sich
hätte, und er schöfe aus einer jeden Kunst ein Werk, so bliebe
dennoch alle seine Kunst in ihm selber beschlossen. Die Künste meistert der Meister. Also ist es mit der Erstheit aller
Urbilder der Dinge. Sie sind Gott
in Gott.
Es
ist nun die Frage: wie alle Dinge in ihren ersten Ursprung
zurückfließen? Dazu
vernehmt: Alle Kreatur ändert
in der menschlichen Natur ihren Namen und wird durch sie geadelt; in
menschlicher Natur verlässt sie ihre Natur und kommt in den Ursprung
zurück.
Das
geschieht auf zweierlei Art: Zum ersten hat die menschliche Natur das
Vermögen, in geistlichen Dingen das Edelste zu wirken; denn in geistlichen
Dingen fließt der Geist wieder in seinen Ursprung zurück. Das zweite ist dies: Was der Mensch an
Speise und Trank empfängt, das wird zu Fleisch und Blut in ihm. Seht, nun
ist des Christen Glaube, dass dieser Leib am Jüngsten Tag wieder
auferstehen soll. Da erstehen auch
alle Dinge nicht an sich selber; sondern an dem, der sie in sich verwandelt
hat. Da wird der Mensch vergeistet
und wird alles ein Geist und ließt mit dem Geist zurück in den
ewigen Ursprung. Daran wird sich
erweisen , ob eine jede Kreatur in menschlicher Natur etwas Ewiges errungen
hat. Daran sieht man auch die
Treue und die Güte und die Minne Gottes, dass er seinen treuen Knecht ganz
und gar will zu sich nehmen. Da
ist dann alles in allem beschlossen und alles in allem Eines.
Nun
könnte man mir sagen: Das ist alles schön und wohl gesprochen,
Herzensfreund. Aber wie geschieht
das, dass ich zu der lauteren Edelheit komme? Verstehet recht: Gott ist, was er ist; und was er ist, das
ist mein; und was mein ist, das liebe ich; und was ich liebe, das liebt mich
und zieht mich in sich hinein; und was mich also an sich genommen hat, dem
gehöre ich mehr an als mir selber.
Seht, darum minnet Gott , dann werdet ihr Gott mit Gott. Hiervon will ich nichts mehr sagen.
Merket
aber noch von der Freiheit des Geistes dieses: Der Geist soll also frei sein,
dass er an allen nennbaren Dingen nicht hange und dass sie nicht an ihm
hangen. Ja, er soll noch freier
sein: also frei,dass er für all seine Werke keinerlei Lohn erwarte von
Gott. Die allergrößte
Freiheit aber soll dies sein, das er all seine Selbstheit vergesse und mit
allem, was er ist, in den grundlosen Abgrund seines Ursprungs
zurückfließe. Die auf
sich selbst verzichten und Gott also folgen in rechter Vernichtigung: wie
könnte gott es lassen,; dass er ihnen nicht seine Gnade in die Seele
gösse, die sich also in der Minne vernichtigt hat? Er gießt seine Gnade in sie und
erfüllt sie und gibt sich ihr selber in Gnaden hin und bringt die Seele in
die Anschauung seiner Gottheit.
Das
geschieht in der Ewigkeit und nicht in der Zeit. Doch empfängt die Seele einen Vorgeschmack hier in der
Zeit von dem, was von jenem heiligen Leben gesagt worden ist. Dies aber ist darum gesagt, damit ihr
wisset, dass niemand zu seiner höchsten, lautersten Edelkeit kommen kann
im Erkennen und im Leben, er müßte denn der freiwilligen Armut
folgen oder den Armen gleich sein.
Das ist fur alle Leute das allerbeste.
Nun
loben wir gott um seiner ewigen Güte willen und bitten ihn, er möge
uns am Ende zu sich nehmen. Dazu
verhelfe uns der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.