von Georg Dorn
In der Persönlichkeit der Maria Magdalena, wie sie dem Mittelalter vertraut ist, fließen nicht weniger als drei recht unterschiedliche neutestamentliche Quellen zusammen. Zunächst und vor allem ist die die große Sünderin, die nach dem Bericht des Lukas (7,36-50) im Hause Simons, des Pharisäers, die Füße des Herrn salbt und die Vergebung ihrer Sünden findet. Zum anderen ist sie aber auch die Maria, die ihrer Schwester Marta die Besorgungen des Hauses überlässt, selbst aber zu Füßen des Meisters sitzt und seinen Worten lauscht (Lk. 10,38-42), die Schwester auch des von den Toten auferweckten Lazarus (Joh. 11,1-45), die dann in Bethanien dem Herrn vor seiner Passion eine letzte Ehre mit einer Salbung erweist (Joh. 12, 1-8). Schließlich aber ist sie mit dem Namen Maria von Magdala genannt als jene Frau, die Frauen aus Galiläa bis Jerusalem folgt, um ihm zu dienen und endlich Zeuge seines Todes und seiner Auferstehung zu werden, ja die nach Markus und Johannes die erste ist, die den Auferstandenen sieht und das österliche Ereignis den Aposteln verkündet.
Schon früh hat die abendländische Exegese begonnen, diese drei Quellen zu den drei Aspekten einer Persönlichkeit zusammenzufassen, die die Reue der großen Sünderin, den kontemplativen Charakter der Maria von Bethanien und die Begnadung der ersten Auferstehungszeugin harmonisch in sich vereinigt. Die Frage der exegetischen Berechtigung zu solch einem Einheitsbild der Maria Magdalena braucht uns hier nicht zu beschäftigen, feststeht, dass zumindest seit den grundlegenden Magdalenenhomilien Gregors des Großen die Vorstellung von der Einheit der drei biblischen Frauen in Predigt und Kult, aber auch in Legende und Dichtung bis zum Ende des Mittelalters vorherrscht. Die Wirkungen, die von allen drei Elementen dieser Persönlichkeit, besonders aber auch von der bekehrten Sünderin ausgehen, sind im ganzen Mittelalter ungemein stark. So stehen die Buhlerinnenlegenden, die wir im folgenden behandeln, unzweifelhaft unter ihrem prägenden Einfluss, sei es, dass das Vorbild der Maria Magdalena unmittelbar im Wortlaut und Ablauf der Legenden wirksam wird, sei es, dass die Gestalten der Legenden nicht ausdrücklich, aber doch sehr deutlich nach dem Vorbild der Maria Magdalena stilisiert werden. Dabei hat das im Neuen Testament verbürgte Leben der Maria Magdalena keine eigene Darstellung, etwa in Form einer Vita, gefunden, vielmehr füllen diesen Platz die großen Magdalenensermone aus, zum Beispiel die schon erwähnten Homilien Gregors des Großen, im späteren Mittelalter aber vor allem der Sermo Odos von Cluny (gest. 942), der - in vielem abhängig von Gregors Predigten - mannigfach bearbeitet und legendär ausgeschmückt wird und so schließlich in Ausschnitten, gleichsam als Vita, in die lateinischen Legendensammlungen des 13. Jahrhunderts (wie die Legenda aurea) aufgenommen wird.
Aber das Interesse an der großen Sünderin hatte doch auch eine eigene reiche Legendenliteratur zur Folge, die die Berichte der Evangelien zu ergänzen und das nach-biblische Schicksal der Maria M. darzustellen sich bemühte. Nach diesen legendären Schilderungen verlassen Lazarus und seine beiden Schwestern, verfolgt von den Juden, bald nach der Himmelfahrt Christi Palästina und landen nach einer glücklichen Überfahrt in Marseille. Andere berichten, dass die Verfolgten ausgesetzt werden und nach wunderbarer Rettung ebenfalls in der Provence, zusammen mit einer Gruppe von Missionaren, ankommen. Während ihre Glaubensgenossen das heidnische Land missionieren, zieht sich Maria Magalena in die Einsamkeit von St. Baume (in der Nähe von Marseille) zurück, um dort vier Jahre lang ein Leben der strengen Buße zu führen. Als sie Ihr Ende nahen fühlt, begibt sie sich nach Aix, wo ihr der Bischof St. Maximin die Sakramente reicht. In der Bischofsstadt oder auch in der benachbarten Burg wird sie begraben. Etwas sieben Jahrhunderte später erhalten die Mönche von Vézelay in Burgund Kunde von dem Grab der Heiligen und überführten im Jahre 749 unter vielen Wundern die Reliquien nach Vézelay...
Die Schilderung dieser letzten Episode im Leben der Maria Magdalena is, in offensichtlich enger Anlehnung an das Wüsten leben der Maria Aegyptiaca, schon im 9. Jahrhundert entstanden und dann im 11. Jahrhudert bereits vor dem Aufblühen des südfranzösischen Kultes von Vézelay! vor allem in Deutschalnd und England, weit verbreitet, und zwar in einer Fassung, die den Ort der Buße und des Todes der Maria Magdalena nicht nennt. Erst die Hagiographen des 12. Jahrhunderts lokalisieren die Legende von der Buße der Maria Magdalena in St. Baume, einer Einöde in der Nähe der traditionellen Kultorte. Vielleicht schon von Anfang an für den liturgischen Gebrauch bestimmt, erhält dieses Büßerleben der Maria Magdalena seine besondere Bedeutung durch die nahe Verwandtschaft mit der Buße der Maria Aegyptiaca, denn damit ist durch ein Beispiel belegt, dass das Verhältnis der neutestamentlichen Sünderheiligen zu ihren späteren Nachfahren ein durchaus wechselseitiges ist.